Sanfte Geschichte

Tages-Anzeiger vom 14. März 2001

Der Zolliker Lehrer Adrian Michael hat sein Kinderbuch mit Sechstklässlern auf Lesetauglichkeit geprüft.

Von Erwin Haas

Den Ort der Handlung gibts: ein Kloster in Umbrien, wo der Bruder des 45-jährigen Autors eine Ferienwohnung besitzt. Die beiden 12-jährigen Hauptdarsteller könnte es geben: Frank und Eva, die mit ihren historisch interessierten Eltern die Ferien verbringen. Der Aufenthalt im Kloster droht langweilig zu werden, entwickelt aber unverhofft Dynamik. Der Rest ist Beschreibung, erzählerische Fantasie in kindgerechter Sprache.

Die Geschichte rankt sich um den Forschertrieb der Kinder und um einen weisen, längst verblichenen, durch einen Fluch verwunschenen Mönch. Kinder der Nintendo- und Playstation-Generation wundern sich vielleicht, dass Frank und Eva ohne elektronische Spiele spannende Ferien erleben. Doch den Wortschatz, der heute Gespräche auf Schweizer Pausenplätzen prägt, finden sie im 150 Seiten starken Buch nicht. Der Autor wollte etwas schreiben, das auch Erwachsenen zum Vergnügen gereicht, und legte seinem kleinen Helden, einem Ich-Erzähler, manchen altklugen Ausdruck in den Mund – «schmucke Polizisten» zum Beispiel und «sorgsam erhaltene Häuser».

«Das Geheimnis von Santo Stefano» hat trotzdem seinen Reiz. Es ist eine sanfte, fast anachronistisch friedliche Geschichte, die zwischen betulichen Umbrienferien, historischem Mittelalter, einer Detektivgeschichte und einem Märchen schwankt. Weiche Zeichnungen der in Zollikon aufgewachsenen Illustratorin Isabel Rohner untermalen das Geschehen, ohne dessen Geheimnisse zu enthüllen.

Geschichte mit offenem Ende

Angetan von den fast magischen Gemäuern des Ferienklosters, habe er angefangen zu schreiben, sagt Michael – ohne zu wissen, wohin ihn die Geschichte führen würde. Um den Erzählstrang zu testen, las er seiner damaligen 6. Klasse bruchstückweise vor. Die Schüler fabulierten munter drauflos, was jetzt geschehen könnte. Ohne ihr Zutun, sagt Michael, wäre aus seiner umbrischen Fantasia nichts geworden.